An den Toren des Herbstes: Die Tag- und Nachtgleiche

Das Herbstäquinoktium ist das natürliche Gegenstück zum Frühlingsäquinoktium. Auf das Ausbringen der Saat, das Pflügen der Erde, auf Gedeihen und Befruchtung der blühenden Gärten und die Feier der Wiedergeburt der Natur folgt eine Zeit der Ernte, der Dankbarkeit und jener Rituale, die mit dem Tod und der Angst vor der wachsenden Präsenz der Anderswelt in Verbindung stehen.

Dejanire - Herbst (1872-73), Gustave Moreau (1826-1898)
Dejanire – Herbst (1872-73), Gustave Moreau (1826-1898)

Unvermeidlich ruft der Herbst die Vorstellung eines Kreislaufs hervor, der an sein Ende kommt. Nach einer letzten Explosion der Zwielicht-Farben sinkt die Vegetation allmählich in einen Schlummer, während die Tage kürzer werden. Nebel am Morgen, tief hängende Wolken, erst herbstliche Kühle und schließlich die Kälte des Winters ziehen über die gemäßigten Zonen der Welt.

Selbst die moderne Vorstellung, welche das offensichtlichte Sterben der Pflanzen mit den Feierlichkeiten zum Allerheiligenfest verbindet, ist voll von melancholischer Poesie; das Gedicht „Chanson d’automne“ (dt.: „Herbstlied“) des Dichter Charles Verlaine ist ein archetypisches Beispiel für diesen Ausdruck und unterstreicht den düsteren Charakter der Herbstmonate. Ja, es ist eine Zeit um sich Gedanken zu machen über die eigene Endlichkeit, eine Zeit der Erinnerung, die einen bewusten Rückzug des inneren Selbst erfordert. Der Herbst erinnert uns an das Offensichtliche: Alles ist endlich.

Wenn der Herbst uns an die Endlichkeit einer Existenz erinnert, so müssen wir, die wir uns in einem zyklischen Universum wissen, darin aber auch das Versprechen eines Morgens, einer Zukunft sehen. Es ist eine Jahreszeit der Fülle und der Veränderung: Diese wenigen Wochen am Ende des Sommers, wenn die Natur, für ein paar Tage zu voller Ernte reift, sind eine Zeit echter Freude für die ländliche Bevölkerung. Das Leben der Gemeinschaft erblüht, die Speicher füllen sich vor den dunklen Monaten, die zur Wintersonnenwende hinweisen. Der Herbst ist vor Allem eine Zeit der Metamorphose: Die Blätter sinken zur Erde herab, sie werden zu Humus, der voller Leben und Kraft steckt und im Frühjahr erneut Blüte und Wachstum ermöglichen wird. Schließlich lädt uns das Dahinscheiden der Pflanzen und das Kürzerwerden der Tage ein, uns in unser eigenes Inneres zurückzuziehen, bevor die lange Nacht des Winters beginnt und schließlich die Wiedergeburt des Frühlings wartet.

In den Traditionen Europas ist die Vorstellung einer Aufteilung des Jahres und einer herbstlichen Wendezeit vielfach nachgewiesen. In der Astrologie markiert der Eintritt der Sonne in das Zeichen de Waage den Beginn des Herbstäquinoktiums. Für die Germanen war der Monat September – oder „Scheiding“, also „der Scheidende“ – der Beginn der zweiten Hälfte des Jahres, das im März begonnen hatte. Für die Kelten hingegen begann das Jahr nach den Feierlichkeiten zu Samhain, einer Reihe von Tagen, die als „Zeit außerhalb der Zeit“ galten. Eine Zeit, in der die Welt der Toten und die Welt der Lebenden füreinander offen sind. Im alten Griechenland zelebrierten die Eleusinischen Mysterien Demeter, Persephone und Hades während der Tag- und Nachtgleiche, deren gemeinsamer Mythos offensichtlich eine Vorstellung der Durchlässigkeiten zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten hervorruft und auch mit dem Kreislauf der Natur in Verbindung steht.

Somit können in den hergebrachten Traditionen der Herbstfeste zwei Bedeutungsachsen ausgemacht werden: Die erste korrespondiert mit althergebrachten Bräuchen und Vorstellungen aus Europa, die aus einem Toten- und Ahnenkult herrühren; die zweite Achse steht in Verbindung mit den Feiern der Hirten und Ackerbauern, die sich dem Kreislauf der Jahreszeiten, der Natur und der Ernte widmen und reichlich gefüllt sind mit Segensriten für Götter der Fruchtbarkeit.

Das ganzes Artikel ist hier aufrufbar (nur auf Französisch).

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